Männlichkeitsbild von MANNE e.V.

 

Stellungnahme zum Männlichkeitsbild von MANNE e.V.

Welches Männerbild hat MANNE e.V.?

MANNE e.V. - Potsdam versteht sich als Verein, der die Vielfalt von Männlichkeiten verfolgt und nicht an einem bestimmten Männerbild festhält. Unser Wunsch ist, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine Identität und sein Leben in weitestgehender Übereinstimmung mit seinen jeweiligen Selbst (seinen eigenen Wünschen, Träumen, Gefühlen, Erfahrungen, Gedanken, Bedürfnissen) und jenseits jeder Geschlechterrolle entwickeln und gestalten zu können.

Wir wollen Jungen und Männer helfen, ihre Innenverbundenheit (wieder) herzustellen bzw. zu bewahren, sie ermutigen zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu stehen und ihren eigenen Lebensentwurf zu finden und zu gestalten. Gleichzeitig möchten wir sie unterstützen destruktive Verhaltensmuster wie z.b. Gewalt, Unterdrückung, monolithische Denkmuster usw. kritisch zu reflektieren und zu überwinden sowie konstruktive Verhaltensmuster und soziale Kompetenzen einzuüben und zu verstärken. Wir möchten dazu beitragen, tradierte destruktive männliche Rollenbilder zu verändern und eine Vielfalt positiver männlicher Lebensentwürfe zu ermöglichen.

Wir verstehen unsere Arbeit als Teil von Gender-Mainstreaming und anderen Diversityansätzen, die für die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Männern, Frauen und transsexuellen Menschen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung oder Herkunft eintreten. Angestrebt werden ein ganzheitliches, humanistisch und demokratisch orientiertes Menschenbild sowie gleichberechtigte gewaltfreie Formen sozialer Beziehungen und ein emphatischer Diskurs der Geschlechter.

Mit welchen Konzepten der Jungenarbeit arbeitet MANNE e.V. Potsdam?

In der Erziehungswissenschaft wurde vor allem in den 90er Jahren ein „Leitbild Männlichkeit“ debattiert – am Ende konnte man sechs konzeptionelle Hauptrichtungen oder Paradigmen der Jungenarbeit zusammenfassen:

  • Die antisexistische Jungenarbeit

  • Die emanzipatorische Jungenarbeit

  • Die maskulinistische Jungenarbeit

  • Die androgynistische Jungenarbeit

  • Die konstruktivistische Jungenarbeit

  • Die realistische Jungenarbeit

Für die heutige Jungenarbeit bieten diese Konzepte ein umfassendes pädagogisches Spektrum, aus dem sich einzelne Projekte und Maßnahmen ableiten und gestalten lassen. Eine kurze Darstellung der unterschiedlichen Konzepte finden Sie auf unserer Homepage.

In der Praxis von MANNE e.V. entstand ein weiterer, eher pragmatischer Ansatz, den man als „begleitende und ressourcenorientierte Jungenarbeit“ bezeichnen könnte. Dieser entstand nicht in Abgrenzung, sondern unter Einbeziehung der bisher bekannten konzeptionellen Zugänge. Danach müssen Jungen nicht erst Probleme machen oder haben, sondern sie erhalten solidarisch als Jungen unterstützende Begleitung auf ihrem individuellen Weg zum Erwachsenwerden.

MANNE e.V. versteht sich als ein Sammelbecken in dem sich unterschiedliche konzeptionelle Ansätze begegnen und gegenseitig befruchten sollen. So soll die Praxis der Jungenarbeit aus der Perspektive aktueller Ergebnisse aus den jeweiligen konzeptionellen Ansätzen immer wieder neu geprüft und ggf. verbessert werden. Eine weitere Darstellung unserer Ziele und Grundhaltungen finden Sie auf unsere Homepage.

Zu den Angeboten Phönixzeit und Nerthusprojekt

Trotz der oben beschriebenen Vielfalt auf konzeptioneller Ebene wird MANNE e.V. manchmal von einzelnen Fachkräften als Verein mit „mythopoetischen“ oder gar revisionistisches Männerbild beschrieben. Auf Nachfrage wird dann in der Regel als Beleg auf die Angebote „Phönixzeit – eine Entdeckungsreise für Jungen im Übergang vom Kind zum jugendlichen Mann“ sowie „das Nerthusprojekt – eine Heldenreise“ verwiesen. Dabei stellte sich bisher jedes Mal heraus, dass die Kritik auf unzureichende Informationen beruhte. Darum möchten wir zu diesen Kritikpunkten mit folgenden Informationen Stellung beziehen:

Zum „Nerthusprojekt“

Dieses Projekt wird nicht von MANNE e.V. angeboten, sondern von einem Teilnehmer der „Qualifizierung Jungenarbeit und Gewaltprävention“, der dieses Projekt als Modellprojekt in Rahmen seiner Qualifizierung in seiner Region für die Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen erprobt. Rückschlüsse von diesem Projekt auf die Arbeit von MANNE e.V. sind nicht angebracht, da es sich um kein Projekt von MANNE e.V. handelt.

Der Teilnehmer folgt mit seinem Projekt ebenfalls ein pluralistisches und vielfältiges Männerbild.

Die Wahl des Projekttitels, der auf manche Fachkräfte provozierend wirkt und die Assoziation eines revisionistischen Männerbildes auslöst, hat mit der Zielgruppe des Projektes zu tun.

Der Teilnehmer erhofft sich mit der Wahl des Titels leichter rechtsextrem orientierte Jungen für das Projekt zu interessieren. Dabei folgt er einen klassischen sozialpädagogischen Ansatz („Den Klienten dort abholen wo er steht“). Darüber hinaus erhofft er sich, dass es gelingen könnte, Begriffe wie z.B. „Helden“ oder „Heimat“, die häufig von der extremen Rechten besetzt sind, aus einer demokratischen und pluralistischen Gesinnung heraus inhaltlich neu zu besetzen.

Zur Phönixzeit:

Die Phönixzeit ist ein gutes Beispiel in welchen unterschiedliche konzeptionelle Ansätze der Jungenarbeit verbunden und weiterentwickelt wurden.

Die Phönixzeit ist ein Angebot für Jungen und deren Familien im Übergang vom Kind zum Jugendlichen(13 – 15 Jahre), alternativ oder als Ergänzung zur Jugendfeier oder Konfirmation / Firmung. Es soll die Jungen im Sinne der im Abschnitt „Welches Männerbild hat MANNE e.V.“ benannten Ziele auf diesem wichtigen Lebensabschnitt ein halbes Jahr lang begleiten und unterstützen:

  • eigene Entscheidungen zu treffen und für ihr Handeln Verantwortung zu übernehmen

  • ihre aktuellen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, anzuerkennen und auszudrücken

  • ihre Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, neue Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren und sich Herausforderungen zu stellen

  • im guten, liebevollen Kontakt zu sich selbst, dem eigenen Körper, den Mitmenschen und der Natur zu sein

  • Empathie und Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen zu entwickeln

  • Spaß und Freude am Leben zu haben und sich als lebendiger Teil all dessen zu begreifen, was sie umgibt

Die Phönixzeit soll gewalt- und suchtpräventiv wirken und Räume eröffnen, in welchen sich die Jungen mit den Themenfeldern Familie, Freundschaft, Liebe, Sexualität, Konflikt und Aggression, Risiko und Sucht sowie dem Jugendlichwerden auseinandersetzen.

Neben vielen anderen Methoden findet im Rahmen der Phönixzeit auch ein Initiationsritual statt.

Dabei wollen wir die positive und stärkende Wirkung eines kraftvollen und lebendigen Rituals nutzen, in dem wir diese Methode mit unseren pädagogischen Zielsetzungen verknüpfen. Auch wissen wir, dass vor allen verunsicherte Jungen auf ihren Weg Orientierung, Zugehörigkeit und Halt bei älteren Jungen und erwachsenen Männern suchen und dabei angezogen von scheinbaren Sicherheit, Überlegenheit und Souveränität oft in gewaltbereiten und / oder rechtsextremistischen Szenen landen. Häufig initiieren sie sich selbst und untereinander. Dabei werden häufig destruktive, selbst- und fremdschädigende Verhaltensmuster eingeübt und verstärkt (z.B. Sauf- und Drogenrituale, Mutproben, Gewaltrituale, kriminelle Handlungen, usw.)

Initiationsrituale werden in der Fachöffentlichkeit häufig entweder mit männerbündischen Ritualen (Burschenschaften, rechte Kameradschaften, soldatische Männergruppe,) oder mit Stammesritualen verschiedener Kriegerkulturen oder auch mit maskulinistischen Ansätzen der Jungen- und Männerarbeit verbunden (Versuch eines positiv besetzten Entwurfs von Männlichkeit, Arbeiten mit männlichen Archetypen). All diesen liegt in der Regel ein einengendes männliches Rollenbild zu Grunde.

Unsere Form der Initiationsarbeit unterscheidet sich auf Grund unserer Zielstellungen wesentlich von diesen Ansätzen:

  • Wir initiieren nicht in eine bestimmte Form oder ein bestimmtes Bild von Männlichkeit. Stattdessen sollen der jeweilige individuelle Lebensentwurf, die Vorhaben, Ziele und Wünsche der Jungen durch ein wirksames Ritual unterstützt und gestärkt werden. Diese Ziele werden im Vorfeld u.a. durch systemische Biografiearbeit, erlebnispädagogisch orientierten Methoden zur Selbstreflexion und Einzel- und Gruppencoaching mit dem jeweiligen Jungen erarbeit.

  • Das Ritual ist kein einmaliges Event, sondern Bestandteil eines Gesamtprozesses von über einem halben Jahr mit zahlreichen weiteren thematischen Veranstaltungen, Angeboten und Methoden in der Jungengruppe.

  • Die Söhne ermächtigen uns im Vorfeld selbst mit ihnen dieses Ritual durchzuführen. Sie haben die Möglichkeit einzelne Sequenzen individuell zu gestalten, zu füllen oder zu begrenzen. Die Teilnahme der Jungen erfolgt freiwillig und in eigener Selbstregulation. Sie haben die Möglichkeit jederzeit aus dem Ritual auszusteigen.

  • Am Ritual nehmen von den Jungen aus ihren eigenen sozialen Umfeld geworbene erwachsene Männer als Paten teil. Sie sind ihren jeweiligen eigenen individuellen Männlichkeitsbildern und Mustern dabei und können so einerseits eine für die Jungen konkret erlebbare Vielfalt von Männlichkeit gewährleisten und andererseits eine kritische Überprüfung und Mitgestaltung des Rituals von Außen ermöglichen. Der Ablauf des Rituals wird von den Mitarbeitern des Phönixteams sowie den Paten gemeinsam vorbereitet und gestaltet.

  • Die im Ritual erfahrenen Erlebnisse werden in der Nachbereitung mit den Söhnen und Paten gemeinsam kritisch reflektiert und unterstützend nachbearbeitet.

  • Die Durchführung der Phönixzeit erfolgt in Teamarbeit. Die Mitarbeiter des Phönixteams sind erfahrene sozialpädagogische Fachkräfte. Sie müssen einen eigens für sie entwickelten dreijährigen Ausbildungszyklus durchlaufen, bevor sie berechtigt sind, selbständig Phönixzeiten durchzuführen. Ein Teil dieser Ausbildung ist eine eigene initiatorische Erfahrung in Sinne oben benannter Ziele. Das Phönixteam überprüft seine Arbeit durch regelmäßige Teamintervision und Supervison

Mit dem Ritual selbst verbinden sich folgende Ziele:

  • den Übergang Wandlungsprozess vom Kind zum Jugendlichen zu markieren

  • eine gemeinsame Feier im Kreis von Jungen und Männer zu erleben

  • sich symbolisch von der Kindheit zu verabschieden

  • den Jungen in seinen individuellen Lebensweg zu stärken und zu feiern

Das Initiations- oder wie wir es nennen „Wandlungsritual“ selbst besteht im Ablauf im Wesentlichen aus gemeinsamen Tänzen und Liedern, einigen Übungen aus der bioenergetischen Körperarbeit (nach W. Reich) sowie einer symbolischen Aufnahme der Kinder in den Kreis der jugendlichen und erwachsenen Männer.

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte, Themen, Ziele und Methoden der Phönixzeit finden Sie unter www.phoenixzeit.de