Jungengymnasium in Potsdam

Eine Stellungnahme von MANNE e.V.

Seit 10 Jahren arbeiten wir pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen, vor allem mit Jungen, in Brandenburger Schulen und in der Freizeit. Außerdem qualifizieren und beraten wir seit Jahren pädagogische Fachkräfte zum Umgang mit Jungen. Vor diesem Hintergrund wollen wir unsere Meinung zur Gründungsinitiative für ein Jungengymnasium unter Mitwirkung des katholischen Ordens Opus Dei veröffentlichen. Die Gründungsinitiative für das katholische Jungengymnasium fällt in eine Zeit, in dem ein allgemeines Unbehagen mit dem Schulsystem in Deutschland wächst.
Jungesein ist ein Risikofaktor, neben Migration oder Armut, für schlechte Leistungen in der Schule. Nationale (Shell) und internationale Studien (PISA; IGLU) machen geschlechtsspezifische Benachteiligungen für Jungen deutlich. Sie bleiben häufiger sitzen, werden später eingeschult, verlassen öfter die Schule ohne Abschluss, haben schlechtere Noten.
Die Bedingungen an vielen Schulen fördern Verhaltensweisen bei Jungen, mit denen sie sich selbst und andere gefährden. Die "schwierigen" Jungen werden dann aus den normalen Bildungszusammenhängen abgesondert oder "ausgeschult." Jungen sind auf Förderschulen überproportional stark vertreten, einige sind bereits unabsichtlich zu reinen "Jungenschulen" geworden. Nach der Schule landen Jungen öfter als Mädchen in berufsvorbereitenden Maßnahmen der Arbeitsagentur und in anderen Warteschleifen.
Eine generelle Trennung der Geschlechter an besonderen Schulen ist aus unserer Sicht keine Antwort auf die Frage nach einer Pädagogik, die den Lernbedürfnissen von Jungen (und Mädchen) gerechter wird. Aus unserer Sicht sollten Schulen überprüfen, wie sie die Lebenssituation von Jungen in ihren Lernangeboten und ihren Räumen besser berücksichtigen können. In die Schulentwicklung sollten geschlechtsspezifische Aspekte stärker als bisher einbezogen werden. Diese Neuausrichtung von Schulen auf die Bedürfnisse von Mädchen und Jungen braucht ausreichende fachliche Unterstützung von außen.
Jungen suchen für ihre Identitätsentwicklung männliche Bezugpersonen. In den Kindertagesstätten und in Grundschulen gibt es aber kaum männliche Erzieher und Lehrer. Auch hier besteht dringend Handlungsbedarf. Mannsein allein ist noch keine Qualität für Jungen. Sie brauchen Männer, die im Kontakt offen, glaubwürdig und konfliktfähig sind, die reflektiert handeln und unterschiedliche Perspektiven einnehmen können. Ein Jungengymnasium, das unter der Mitwirkung von Opus Dei entstehen würde, lässt uns vermuten, dass dort traditionelle, einengende, hierarchische und sexualfeindliche Männlichkeitsbilder gelebt und weitergegeben werden. Solche Formen von Männlichkeit wirken weltweit eher destruktiv und schädigend, auf die Jungen und Männer genauso wie auf Mädchen und Frauen und auf ihr Umfeld.

Dennoch ist es sinnvoll, im Lernfeld Schule auch besondere thematische Räume für Jungen oder Mädchen anzubieten. In unserer Arbeit mit Jungen hat sich gezeigt, dass Themen wie Angst, Hierarchie, Körperkontakt, Aggression und Sexualität sich in reinen Jungengruppen wirkungsvoller bearbeiten lassen als in gemischten Gruppen. Geschlechtshomogene Jungengruppen können einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung persönlicher Identitäten leisten. Was für ein Mann / was für eine Frau möchte ich einmal sein? Diese Frage läuft beim Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen im Hintergrund immer mit. Spielerisch werden verschiedene Rollen ausprobiert, abgeändert und verworfen. Veränderungen in der Arbeitswelt, in den Wertvorstellungen, in Partnerschaften und Familien berühren die Frage nach dem eigenen männlichen oder weiblichen Selbstverständnis im Hintergrund immer neu.

Einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit Frauen und Mädchen gestalten zu lernen ist für Jungen genauso wichtig. Nach unserer Vorstellung ermöglicht eine geschlechtsbewusste demokratische Schule Freiräume für Mädchen und für Jungen genauso wie vielfältige Kontakte und Beziehungen zum anderen Geschlecht. Im gemischtgeschlechtlichen Schulalltag ergeben sich Chancen, einengende Rollenvorstellungen, Zuschreibungen und Vorurteile sichtbar zu machen, zu reflektieren und aufzubrechen.

Gleichgeschlechtliche Bildungseinrichtungen wie das geplante Jungengymnasium, schränken dieses wichtige soziale Lernfeld für Kinder und Jugendliche stark ein. Die generelle Trennung der Geschlechter verhindert gemeinsame Erfahrungen und Lernprozesse von Mädchen und Jungen miteinander und kann traditionelle Beschränkungen von Frauen- und Männerrollen weiter verfestigen. Die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Jungen werden an einer solchen Schule eingeschränkt.

Vom geschlechtsspezifischen Entwicklungsbedarf bei Jungen aus gesehen und für die Entwicklung konstruktiver Formen von Männlichkeit halten wir ein reines Jungengymnasium für sehr fragwürdig.

August 2006