Bekämpfung der Gewalt an Frauen

Stellungnahme zum Aktionsplan der Landesregierung zur Bekämpfung der Gewalt an Frauen.

Eckehard Ehler, Peter Moser (für Manne e.V. - Potsdam)

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir danken Ihnen, dass Sie uns die Möglichkeit zur Stellungnahme geben und zur mündlichen Anhörung eingeladen haben. Wir empfinden dies, und besonders die Zuweisung an unseren Verein, die präventive Beratung von Vätern anzubieten, als Anerkennung unserer bisher geleisteten Arbeit. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns mit unserer Stellungnahme hauptsächlich auf die Maßnahmen beschränken, die Männer, bzw. Jungen betreffen.

Wir begrüßen, dass im Rahmen des Aktionsplanes auch die Situation von Männern und Jungen in den Blick genommen werden. Es ist ein Grundanliegen unseres Vereins, Alternativen zum gewalttätigen und zerstörerischen Verhalten von Jungen und Männern zu entwickeln und zu einem partnerschaftlichen Verhältnis der Geschlechter beizutragen.

Zu viele Männer verhalten sich gegen Frauen, gegen Kinder, gegen die Natur, aber auch gegenüber anderen Männern und gegenüber sich selbst gewalttätig. So sind nicht nur die meisten Gewalttäter männlich, sondern auch die meisten Opfer sind andere Jungen und Männer (siehe "Kriminalitätsbericht 2000" der Bundesregierung). Aus dieser gegebenen sozialen Situation von Männern und Jungen sind Angebote und Maßnahmen für Männer und Jungen zur Bekämpfung von Gewalt zwingend notwendig.

Ein Großteil der Männer und Jungen leidet selbst unter gewalttätigen Verhältnissen und unter gewalttätigen Konfliktlösungsstrategien. Beispielsweise erhalten Männer in vielen Betrieben viel zu wenig Respekt und Freiräume, wenn sie als Väter ihrer Fürsorgepflicht für ihre Kinder nachkommen müssen.

Um gewalttätiges Verhalten von Männern zu verstehen ist es unseres Erachtens an der Zeit, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass männliches Gewaltverhalten zumeist keine kalt und berechnend geplanten Aktionen des "Bösen im Manne" sind oder Ausübung von männlichen Verfügungs- und Überlegenheitsansprüchen sind. Meistens sind es hingegen Äußerungen von empfundener Hilflosigkeit, Nichtweiterwissens, Eingezwängtheit und Ohnmacht. Die Gewalttätigkeit eine Mannes gegenüber einer Frau ist oft auch ein Ausdruck eines langen krisenhaften Prozesses in der Paarbeziehung, der in gewalttätiges Handeln eskaliert ist. Männer frühzeitig bei scheinbar chronischen Konflikten mit Beratung zu erreichen hieße, die Gewaltspirale möglichst bald stoppen zu können. Eine generalisierende und vorverurteilende Gleichsetzung von Mann = Täter und Frau = Opfer erfasst daher nicht die Konfliktdynamik im familiären Nahraum und verleugnet die Eigenverantwortung und das individuelle Leid aller Beteiligter. U.E. gefährdet diese Gleichsetzung die Entwicklung autonomer Emanzipation sowohl von Frauen als auch von Männern.

Gerade bei der Gewaltproblematik sind geschlechtsbewusste Maßnahmen im Kinder- und Jugendalter, im Bereich der Familienbildung und Familienberatung sowie in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften wichtig. Dabei werden Jungen und Männer nicht erreicht werden, wenn man sie ausschließlich auf ihre potentielle Täterschaft festlegt und mit "Antigewalt" oder "Antiagressionspädagogik" anzusprechen versucht. Gewaltpräventive Maßnahmen müssen an der psychosozialen Befindlichkeit von Jungen und Männern ansetzen. Sie müssen die individuelle Verantwortung und das individuelle Leiden von Jungen und Männern aufgreifen und mit berücksichtigen.

Ziele und Inhalte unserer Arbeit mit Männern und Jungen sind daher die Unterstützung von   Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln, die Stärkung von Empathie, von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Herausbildung eines eigenen Standpunktes und eigener Identität sowie die Entwicklung von Konfliktfähigkeit. Nicht nur Mädchen und Frauen sondern auch Jungen brauchen Unterstützung bei der Entwicklung von konstruktiven Handlungsmöglichkeiten der Selbstbehauptung. Selbstbehauptung und Empathie für das Gegenüber sind Voraussetzung für das gewaltfreie Lösen von Konflikten.

Darum zielen unsere Angebote an Jungen und Männer auf die Integration und   Steuerung von Aggression, anstatt sie in Form von sogenannten Antiaggressionstraining abzuspalten und zu verdrängen.

Ein Beispiel:

Wenn Jungen mit den Hintergrund traditioneller Männlichkeitsbilder und männlicher Rollenanforderungen Mädchen auf sexistische Weise anmachen und belästigen, so tun sie dies nicht um Überlegenheitsansprüche geltend zu machen, sondern, weil sie keinen anderen männlich legitimierten Weg erkennen, Mädchen gegenüber ihr Interesse zu bekunden. Ein antipädagogisch erhobener Zeigefinger: ?sei nicht sexistisch" wird den einzelnen Jungen nicht erreichen. Der Junge wird sich nicht verstanden sondern reglementiert fühlen und den Pädagogen im Weiteren möglicherweise nicht mehr als Vorbild und Berater akzeptieren.

Der geschlechtsbewusste Jungenarbeiter hingegen wird auf die Forderung: "sei nicht sexistisch" verzichten und statt dessen, in empathischer Form, die Schwierigkeit des Jungen mit Mädchen in Kontakt zu kommen, ansprechen. Durch seine Empathie hat er die Chance, die Anerkennung und Aufmerksamkeit des Jungen zu erreichen und ist in der Lage, gemeinsam mit den Jungen andere Formen der Kontaktaufnahme zu Mädchen einzuüben. Ggf. kann er dann auch auf die eigenen Erfahrungen des Jungen von erlittenen Grenzüberschreitungen und Verletzungen eingehen.

Mit dem Zielhintergrund der Verbesserung der Umgangs von Jungen und Männern mit sich selbst und der Verbesserung des Umgangs von Jungen und Männern mit Frauen und Mädchen haben wir in den letzten vier Jahren in ehrenamtlicher Arbeit, bzw. in prekärer Beschäftigung auf Honorarbasis, sozusagen nach Feierabend, viele konkrete Konzepte der Jungen- und Männerarbeit entwickelt und erprobt. Dazu gehören u.a. auch Angebote der Väterbildung sowie der psychosozialen Beratung von Männern zu verschiedenen Themen, wie Umgang mit Gewalt und Aggression, Liebe und Sexualität, Krise, Selbstwert und Selbstbehauptung.  

Ebenso werden wir seit Gründung unseres Fachdienstes für Jungen- und Männerarbeit im letzten Jahr von vielen Einrichtungen und Fachkräften für Fortbildungen und Fachberatungen zum Thema Jungen, Männer, bzw. Väterarbeit stark angefragt. Beispielsweise erwies sich unser diesjähriges Fortbildungsangebot: "Körperbezogene Methoden im Umgang mit Aggression und Gewalt" als echter Renner.

Wir sind inhaltlich und personell in der Lage entsprechende Angebote für Jungen und für Väter, wie sie im Aktionsplan unter dem Punkt Prävention erwähnt sind, durchzuführen bzw. unser Wissen in Form von Weiterbildungen oder Fachberatungen Mitarbeitern anderer Einrichtungen zur Verfügung zu stellen.

In diesen Zusammenhang möchten wir ausdrücklich auf unsere geplante Tagung: "Maskulinität und Gewalt: Gewaltpräventive Konzepte der Jungen- und Männerarbeit hinweisen. Sie wird am 7. November von 10 - 17 Uhr im Tagungshaus BlauArt hier in Potsdam stattfinden.

Wir sind auch dabei, Konzepte in der Arbeit mit Tätern zu entwickeln, wie sie im vorliegenden Entwurf unter dem Punkt Täterarbeit benannt sind. Dabei werden wir auch Erfahrungen anderer Männerberatungsstellen wie z.B. des Berliner Trägers "Mannege e.V.", mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten, mit einbeziehen.

Im Zusammenhang mit der neuen Gesetzgebung ist uns bisher unklar, was mit den Männern passiert, wenn sie z.B. aus der Wohnung verwiesen werden. Unseres Erachtens liegt hier eine Chance vor, Männer mit einem entsprechenden niedrigschwelligen Beratungsangebot in ihrer Krise zu erreichen.

Doch sowohl in Bezug auf die Prävention als auch auf die Täterarbeit, stellt sich die Frage, ob denn das Land Brandenburg bereit ist, im Zuge des Aktionsplanes auch für Männer- und Jungenarbeit ausreichende Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Männer- und Jungenarbeit findet derzeit im Land und in den Kommunen so gut wie keine Förderung. Eine wirksame und kontinuierliche Jungen- und Männerarbeit ist aber auf die Dauer nicht ohne eine institutionelle Förderung zu erhalten.

In Bezug auf den vorliegenden Entwurf, sehen wir für Vorhaben im Bereich der Prävention, in der Jugendarbeit das MBJS, in der Familienbildung sowie in der Beratung von Männern und Vätern das MASGF in der Pflicht, hier Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Soziale Kompetenztrainings zur Verringerung von Gewalt als Gerichts- oder Bewährungsauflage (Täterarbeit) müssen unseres Erachtens aus dem Justiz- oder Innenressort finanziert werden.

Alle hier genannten Häuser sind unserer Meinung nach in der Pflicht, endlich eine Grundfinanzierung für Jungen- und Männerarbeit zur Verfügung zu stellen.

Herbst 2001